{"id":4089,"date":"2014-03-25T11:49:23","date_gmt":"2014-03-25T10:49:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zephram.de\/blog\/?p=4089"},"modified":"2024-05-14T23:14:18","modified_gmt":"2024-05-14T21:14:18","slug":"maerchen-innovationsfaehigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zephram.de\/blog\/kommentar\/maerchen-innovationsfaehigkeit\/","title":{"rendered":"F\u00fcnf M\u00e4rchen \u00fcber die Innovationsf\u00e4higkeit"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-4091 size-full\" src=\"https:\/\/www.zephram.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/pinocchio.png\" alt=\"innovation m\u00e4rchen\" width=\"420\" height=\"278\" srcset=\"https:\/\/www.zephram.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/pinocchio.png 420w, https:\/\/www.zephram.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/pinocchio-300x198.png 300w\" sizes=\"(max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Selbstt\u00e4uschung Innovationsf\u00e4higkeit<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00e4rchen sind frei erfundene Geschichten, die sich in einer Fantasiewelt abspielen. In diesem Fall geht es um Geschichten, die Unternehmen erz\u00e4hlen und hin und wieder mit der Wirklichkeit verwechseln. Innovationsbekenntnisse wie <em>Wir begr\u00fc\u00dfen Querdenker!<\/em> liest und h\u00f6rt man h\u00e4ufig bei Unternehmen. Doch in aller Regel entpuppen sie sich als unzutreffend. Dadurch erzeugen Unternehmen nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst ein falsches (und vielleicht gef\u00e4hrliches) Bild.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">M\u00e4rchen #1: <em>Wir suchen Intrapreneure.<\/em><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wort &#8222;Intrapreneur&#8220; ist eine relativ neue Erfindung. Es setzt sich aus den Bestandteilen &#8222;Intra&#8220; und &#8222;Entrepreneur&#8220; zusammen und bezeichnet Angestellte, die sich wie Unternehmensgr\u00fcnder verhalten. Gemeint sind Mitarbeiter, die aus eigenem Antrieb Verbesserungsm\u00f6glichkeiten suchen, Innovationen betreiben und neue, risikobehaftete Projekte vorantreiben. Unternehmen behaupten oft, sie w\u00fcrden derartige Mitarbeiter brauchen. So schrieb die Deutsche Bank beispielsweise 2003 in ihrem Bericht <i>Corporate Cultural Affairs<\/i>:<i> Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter unternehmerisch denken und handeln.<\/i> Unternehmen versprechen sich von solchen Mitarbeitern die Vorteile eines Startups wie Innovationsf\u00e4higkeit, Dynamik und schnelles Wachstum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hoffnung, solche Vorteile durch derartige unternehmerischen Mitarbeiter zu erhalten, kann aber nicht in Erf\u00fcllung gehen. Daf\u00fcr gibt es mindestens zwei Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus rein \u00f6konomischer Sicht wird es nie echte Intrapreneure geben, denn zum Entrepreneur geh\u00f6rt, dass dieser Risiken eingeht, daf\u00fcr aber auch die materiellen Fr\u00fcchte seiner Arbeit selbst genie\u00dft. Angestellte, Arbeiter und Beamte tragen aber kein unternehmerisches Risiko, und im Erfolgsfall stehen nicht ihnen, sondern ihren Arbeitgebern die wirtschaftlichen Ertr\u00e4ge zu. Wer ein regelm\u00e4\u00dfiges Einkommen genie\u00dft, das unabh\u00e4ngig vom wirtschaftlichen Ertrag seiner Arbeit ist, ist <em>de facto<\/em> kein Unternehmer, und es fehlt ihm auch ein wichtiger Anreiz dazu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Beispiel hierf\u00fcr bilden Ideenmanagementsysteme, die von vielen Organisationen betrieben werden. So erzielten laut dem DIB Report 2012 die befragten Unternehmen aus Mitarbeitervorschl\u00e4gen einen mittleren Nutzen von 1043 Euro, als Dankesch\u00f6n haben sie aber an die Ideen gebenden Mitarbeiter eine mittlere Pr\u00e4mien von 90 Euro &#8211; weniger als zehn Prozent\u00a0 des Wertes. Das entspricht kaum einem unternehmerischen Anreiz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Grund, weshalb Intrapreneurship ein Traum bleiben muss, liegt in der Inkompatibilit\u00e4t zwischen der Pers\u00f6nlichkeitsstruktur des &#8222;Unternehmertyps&#8220; und der vorherrschenden Kultur von &#8211; insbesondere gro\u00dfen &#8211; Organisationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Unternehmertyp ist durch eine Reihe von Merkmalen charakterisiert, die ihn f\u00fcr die Integration in eine etablierte Organisation v\u00f6llig ungeeignet machen. Er ist kreativ, autonom und aktionsorientiert, und er hat absolut keine Zeit f\u00fcr B\u00fcrokratie oder Politik. Aus diesen Gr\u00fcnden wird er in den meisten Organisationen schnell frustriert und ungl\u00fccklich. Aus Sicht der Organisation gilt er andererseits als Querulant und als nicht managebar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Davon kann man sich mit dem folgenden Gedankenexperiment leicht \u00fcberzeugen: Wenn Steve Jobs bei Ihnen arbeiten w\u00fcrde, wie lang w\u00fcrde es dauern, bis er entweder wegen seiner &#8222;unm\u00f6glichen&#8220; Art gek\u00fcndigt werden oder wegen einer &#8211; aus seiner Sicht &#8211; absurden Regel selbst k\u00fcndigen w\u00fcrde?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Intrapreneurship nicht wirklich funktioniert, erkannt man schlie\u00dflich daran, dass Unternehmen sich inzwischen an Startups wenden, um radikale Innovation voranzutreiben. Entweder richten sie Inkubatoren ein, oder sie gr\u00fcnden &#8222;Innovationskolonien&#8220;; beide sind F\u00f6rderinstrumente f\u00fcr klassische Startups. Nur ein Startup bietet dem Entrepreneur ein Umfeld, das seiner Natur entspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Innovationskolonien werden im Trevor Owens&#8216; Buch &#8222;<a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/The-Lean-Enterprise-Repeatable-Organizations\/dp\/1118852176\/   \">The Lean Enterprise<\/a>&#8222;, das vor Kurzem erschienen ist, beschrieben.)<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">M\u00e4rchen #2: <em>Wir sind innovativ, weil wir einen Innovationsmanager haben.<\/em><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ab einer bestimmten Gr\u00f6\u00dfe leisten sich manche Unternehmen einen Innovationsmanager. Seine Aufgabe ist, sich darum zu k\u00fcmmern, dass Ideen ins Unternehmen kommen und dass die besten darunter ausgew\u00e4hlt und realisiert werden. Solche Posten sind hoch dotiert, setzen eine anspruchsvolle Qualifikation voraus und sind meistens direkt an der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung angesiedelt. Das ist eine sch\u00f6ne und gute Idee, nur in der Wirklichkeit hapert es leider oft ein wenig damit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich haben viele Menschen, auf deren Visitenkarte &#8222;Innovation&#8220; steht, herzlich wenig mit Innovation zu tun, oder sie werden regelm\u00e4\u00dfig daran gehindert, ihre eigentliche Aufgabe zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da gibt es den Innovationsmanager, der als Leih-Projektmanager eingesetzt wird. Immer dann, wenn es irgendwo brennt, wird er wie die Feuerwehr geschickt, um das Problem zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder der Innovationsmanager, der sich um das Betriebliche Vorschlagswesen k\u00fcmmern muss, weil so etwas heutzutage den viel sexyeren Namen &#8222;Ideenmanagement&#8220; tr\u00e4gt und daher &#8222;irgendwie&#8220; wohl mit Innovation zu tun hat. (Das hat es nicht.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt auch den Innovationsmanager, der eingesetzt wird, um die Innovationsprojekte zu leiten, die er vorbereitet hat. (Das ist nicht sein Job; ein Innovationsmanager ist kein Innovationsprojekt-Manager.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich gilt f\u00fcr viele Innovationsmanager, dass sie kaum \u00fcber ein Budget verf\u00fcgen, um Innovationsprojekte und -ideen voranzutreiben; immer wenn sie etwas Interessantes entdecken, m\u00fcssen sie das Geld daf\u00fcr beim Chef aufwendig beantragen. Wie soll ein Innovationsmanager seiner Aufgabe gerecht werden, wenn er es sich nicht einmal leisten kann, eine Master-Arbeit an einer Hochschule in Auftrag zu geben?<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">M\u00e4rchen #3: <em>Innovation hat bei uns eine hohe Priorit\u00e4t.<\/em><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie oft lesen wir es in Unternehmensbrosch\u00fcren: &#8222;Innovation hat bei uns eine hohe Priorit\u00e4t!&#8220; Nur &#8211; Was eine hohe Priorit\u00e4t hat, wird behalten, wenn andere Sachen aufgegeben werden m\u00fcssen; Wenn ich nur noch 10\u20ac in der Tasche habe, gebe ich sie f\u00fcr Lebensmittel aus, nicht f\u00fcr einen Kinobesuch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich verh\u00e4lt es sich aber in der Praxis mit der Innovation anders als wie mit den Lebensmitteln: wenn die Kassen knapp werden, gehen die Unternehmen ins Kino. Innovationsprojekte geh\u00f6ren in der Regel zu den ersten Opfern eines Sparprogramms.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das haben wir bei Zephram in der Wirtschaftskrise 2008-2009 selbst zu sp\u00fcren bekommen, als einer unserer Kunden pl\u00f6tzlich alle Innovationsprojekte gestoppt hat. Wohlgemerkt nicht, weil die einzelnen Abteilungen es wollten, sondern wegen einer fl\u00e4chendeckenden Anweisung von &#8222;oben&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr viele Unternehmen ist Innovation Voraussetzung f\u00fcr das \u00dcberleben &#8211; besonders dann, wenn rund um die Welt Startups an disruptiven Ideen arbeiten, die die eigene Branche auf den Kopf zu stellen drohen. Denn Startups kennen keine Wirtschaftskrisen.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">M\u00e4rchen #4: <em>Wir begr\u00fc\u00dfen radikale Innovationsideen.<\/em><\/h2>\n<p><em>Wir begr\u00fc\u00dfen radikale Innovationsideen!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch dies geh\u00f6rt zu den oft geh\u00f6rten Aussagen in Unternehmen. Es werden (angeblich) radikale oder sogar disruptive Innovationen gew\u00fcnscht, also sollen die Kollegen ruhig mutig sein und ihre verr\u00fccktesten Ideen einbringen. Mal abgesehen davon, dass die Kultur gro\u00dfer Organisationen selten zul\u00e4sst, dass ihre Mitarbeiter so viel Mut aufbringen, in Wirklichkeit wird diese Art von Ideen nicht wirklich gesucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Radikale Innovationen brechen mit dem Altherbrachten, sie erfordern neue Prozesse, neue Technologien oder neue Gedanken. Aus diesem Grund brauchen sie viel Zeit, Geld und Aufmerksamkeit, um erfolgreich realisiert zu werden. Tats\u00e4chlich sind die Auswahlverfahren, die von Unternehmen eingesetzt werden, so gestrickt, dass sie solche Ideen verwerfen. Es werden stattdessen die so genannten &#8222;quick wins&#8220; bef\u00f6rdert, die versprechen, schnell, einfach (und risikoarm) verwirklicht werden zu k\u00f6nnen, um so schnell die n\u00e4chsten Berichtszahlen zu verbessern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Disruptiv&#8220; ist ein Innovationswort, das inzwischen fast bis zur Unkenntlichkeit missbraucht worden ist. Eine disruptive Innovation ist eine, die einen ganzen Markt durcheinander bringt. Sie stammt fast immer von Au\u00dfenseitern und zerst\u00f6rt die Stellung der etablierten Unternehmen. Dass ein Unternehmen disruptive Ideen sucht &#8211; jedenfalls im eigenen Markt &#8211; ist beinahe ein Widerspruch in sich.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">M\u00e4rchen #5: <em>Wir belohnen Risikobereitschaft.<\/em><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Innovation setzt Risikobereitschaft voraus &#8211; denn das Neue kann auch scheitern. Dies betrifft sowohl ein Unternehmen als Ganzes als auch den einzelnen Mitarbeiter, der die Verantwortung f\u00fcr das Projekt erh\u00e4lt. Selbst wenn die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung bereit ist, das unternehmerische Risiko eines Innovationsprojektes zu tragen, muss sie immer noch den Mitarbeiter finden, der bereit ist, das Karriererisiko auf sich zu nehmen. Denn entgegen allen Behauptungen zum Gegenteil, wird in den meisten Organisationen das (unternehmerische) Scheitern durchaus noch als Makel in der Personalakte gewertet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selbstt\u00e4uschung Innovationsf\u00e4higkeit M\u00e4rchen sind frei erfundene Geschichten, die sich in einer Fantasiewelt abspielen. In diesem Fall geht es um Geschichten, die Unternehmen erz\u00e4hlen und hin und wieder mit der Wirklichkeit verwechseln. Innovationsbekenntnisse wie Wir begr\u00fc\u00dfen Querdenker! liest und h\u00f6rt man h\u00e4ufig bei Unternehmen. Doch in aller Regel entpuppen sie sich als unzutreffend. 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